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Versprechen mit zu vollem Mund


Experten rudern zurück: Obst und Gemüse schützen vor Krebs erheblich weniger als behauptet


Die Versprechen der Deutschen Krebsgesellschaft waren vollmundig: „Ein Drittel“ der jährlich 340 000 Krebsfälle ließen sich vermeiden, proklamierte sie. Dazu müssten nur „die von Experten empfohlenen Ernährungsweisen berücksichtigt“ werden.

Doch so einfach scheint der Schutz vor Krebs nicht zu sein. Ausgerechnet Obst und Gemüse, durch aufwändige Kampagnen wie „5 am Tag“ als Clou in der Krebsprävention beworben, sind offenbar erheblich weniger wirksam als gedacht. „Es gibt nach wie vor gute Gründe, viel Obst und Gemüse zu essen“, sagt Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. So bewahre Pflanzliches vor Herzleiden, Diabetes und Übergewicht. „Aber die Wirkung gegen Krebs haben wir überschätzt.“ Boeing glaubt, dass nicht einmal einer von zehn Krebsfällen durch Steigerung des Obst- und Gemüseverzehrs vermieden werden kann.

Der Sinneswandel der Ernährungsexperten zeigt sich besonders deutlich am Beispiel von Brustkrebs, dem häufigsten Krebsleiden bei Frauen. 1997 galt ein Schutz durch Gemüse noch als „wahrscheinlich“. Am heutigen Mittwoch jedoch wird eine europäische Studie an 285 000 Frauen veröffentlicht, die keinerlei Schutz mehr sieht.1 Die Ursache für den Sinneswandel liegt in den Untersuchungsmethoden. Jahrelang haben Experten fälschlicherweise auf so genannte Fall-Kontroll-Studien vertraut. Deren Machart ist schlicht: Krebskranke und Gesunde werden gefragt, wie sie sich in den letzten Jahren ernährt haben. Aus den Unterschieden errechnen die Forscher dann den Einfluss der Ernährung.

„Mittlerweile wissen wir aber, dass die Antworten der Studienteilnehmer oft nicht der Realität entsprechen“, sagt Jacob Linseisen vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, der wie Boeing an der europäischen Brustkrebs-Studie mitgearbeitet hat. Man könnte sich ohnehin kaum daran erinnern, was man die letzten Jahre gegessen hat. Durch Krankheit aber werde die Erinnerung zudem noch verzerrt: Krebskranke neigten aus schlechtem Gewissen dazu, ihren Verzehr von Obst und Gemüse zu unterschätzen. Gleichzeitig sind die Gesunden, die freiwillig an solchen Studien teilnehmen, oft überdurchschnittlich gesundheitsbewusst. So können solche Verzerrungen insgesamt dazu führen, dass Fall-Kontroll-Studien dem Essen eine Rolle beimessen, die nicht der Realität entspricht. Und eine Vielzahl der heutigen Ernährungsratschläge beruht auf solchen fragwürdigen Studien.


Suche nach Risiken
Weil Forscher die Fehleranfälligkeit der Fall-Kontroll-Studien erkannt haben, setzen sie in jüngerer Zeit verstärkt auf ein anderes Modell: Seit Anfang der neunziger Jahre gelten prospektive, also in die Zukunft blickende Studien als besseres Werkzeug zur Suche nach Risiken. Dabei wird zunächst eine große Zahl von Teilnehmern zu ihren aktuellen Ernährungsgewohnheiten befragt. Danach erfasst man jahrelang, wer an Krebs erkrankt. Die größte Studie dieser Art haben Forscher aus zehn EU-Ländern bereits 1992 gestartet. „Epic“ heißt das Mammut-Projekt, an dem 600 000 Männer und Frauen teilnehmen. Die jetzt veröffentlichte Brustkrebsstudie enthält Daten der 285 000 teilnehmenden Frauen.

Die Frauen waren Anfang der neunziger Jahre auch nach ihrem Obst- und Gemüsekonsum befragt worden. Doch der hatte keinerlei Einfluss auf das Risiko, in den kommenden fünfeinhalb Jahren an Brustkrebs zu erkranken: Es war gleichgültig, ob die Frauen pro Tag weniger als eine Hand voll Gemüse und Obst verzehrten oder es auf über 600 Gramm brachten, wie es die „5 am Tag“-Kampagne empfiehlt. Auch einzelne Gemüsesorten wie Kohl, Rüben, Pilze und Blattgemüse machten keinen Unterschied. „Wir können zwar nicht ganz ausschließen, dass bestimmte Inhaltsstoffe doch günstig sind oder manche Frauen doch profitieren, aber verlassen kann man sich auf den Schutz nicht“, sagt Linseisen.

Dieselbe Situation haben Linseisen und Boeing schon einmal Anfang letzten Jahres erlebt. Damals betrachteten sie das Schicksal von 130 000 männlichen Epic-Teilnehmern genauer. Das Fazit: Auch vor Prostatakrebs bieten Früchte und Gemüse keinen Schutz.2

Geschwulste in Brust und Prostata haben gemeinsam, dass sie meist Hormone wie Östrogen und Testosteron zum Wachsen brauchen. Wohl deshalb haben Vitamine und andere Pflanzenstoffe nur einen geringen Einfluss auf die Krebsentstehung. Auch die Deutsche Krebsgesellschaft machen diese Studien nachdenklich: „Wir werden unsere Ernährungsempfehlungen überprüfen müssen“, kündigt der Präsident Michael Bamberg an.

Deutlicher scheinen sich Obst und Gemüse dagegen auf Tumore der Verdauungs- und Atmungsorgane auszuwirken. Doch auch bei Lungenkrebs sollte man sich nicht darauf verlassen: Neun Zehntel der Lungenkrebsfälle ließen sich durch Verzicht aufs Rauchen vermeiden, sagt Boeing. „Obst und Gemüse können das durch Rauchen bedingte Risiko bei weitem nicht kompensieren.“

Selbst auf Darmkrebs hat Pflanzennahrung neueren Studien zufolge nur einen schwachen Einfluss – besser schützen offenbar Ballaststoffe. Auch der alte Verdacht, dass der Verzehr von „rotem“ Fleisch – also Rind, Schwein und Lamm – Darmkrebs begünstigen könnte, ist längst nicht so gut belegt, wie bislang behauptet. So lässt eine aktuelle prospektive Studie aus den USA erneut Zweifel an der These aufkommen.3 Die Daten geben Hinweise darauf, dass nicht das Fleisch an sich das Risiko für Darmkrebs erhöht, sondern Fleischwaren wie Wurst und Schinken. Aber selbst das galt nur für eine Krebsvariante, die den letzten Meter des Dickdarms befällt: Von 1000 Personen, die nur selten Fleischwaren aßen, erkrankten zwei an dieser Krebsform; von denjenigen, bei denen sie zum Alltag gehörten, waren es drei von 1000.

Die Analyse zeigt auch, warum man selbst Studien an mehreren 100 000 Probanden nicht überschätzen darf. Denn jene Personen, die viel Fleisch essen, unterscheiden sich meist noch in zahlreichen anderen Aspekten von denjenigen, die auf Fleisch eher verzichten. In der amerikanischen Studie trieben die Fleischesser seltener Sport, rauchten häufiger, tranken mehr Alkohol und aßen weniger Ballaststoffe. „Die Lebensweisen dieser Personenkreise sind grundsätzlich verschieden“, sagt Boeing. Rückschlüsse auf das Krebsrisiko seien damit schwierig. Denn Forscher haben zwar Methoden, diese Unterschiede rechnerisch anzugleichen. Unsicherheiten aber bleiben.

Es wird immer deutlicher, dass sich die Gruppen, die selten an Krebs erkranken, eben nicht nur in einem einzelnen Faktor abheben, sondern in ihrem gesamten Lebensstil. Außer Nichtrauchen ist für sich allein keiner der aktuellen Ratschläge (sich gesund ernähren, in Bewegung bleiben, nicht allzu dick werden) ein wirksamer Schutz. Erst die Kombination bietet gute Chancen, den Krebs möglichst lang hinauszuschieben.


Literaturliste

(1) JAMA, Band 293, Seite 183, 2005
(2) International Journal of Cancer, Band 109, Seite 119, 2004
(3) JAMA, Band 293, Seite 172, 2005


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